Kriegsvorbereitung fürs Volk mit Lokalkolorit!

In der ganz normalen Lokalpresse erscheinen immer mehr Beiträge über "ganz normale" Menschen von nebenan, die bereit sind und sich auf den Krieg mit Putin vorbereiten. Inhaltlich unterscheiden sie sich kaum noch von der dunklen Zeit im letzten Jahrhundert - und sprachlich sind sie einfach nur "zeitgemäßer". Zwischen den Zeilen lässt sich jedenfalls ablesen, was wir zu erwarten haben!
Kriegsvorbereitung fürs Volk mit Lokalkolorit!

Ich finde es erschreckend, wie konzertiert und konzentriert und vor allem alternativlos die Kriegsvorbereitungen in Deutschland laufen! Wie in der Geschichte immer vor Kriegen, so wird auch hier die Kausalität an der gewünschten Stelle eingefroren. Die andere Seite: Abgrundtief böse! Wir: Kämpfer für das einzig Gute!

Aber schauen wir selbst auf den heroischen Beitrag in der heutigen WAZ (“Westdeutsche Allgemeine Zeitung” des Funke Medienhauses). Beim Durchblättern habe ich mich tatsächlich am Frühstücksbrötchen verschluckt!

Dort steht unter der im Bild oben festgehaltenen Überschrift zu lesen:

“Russlands Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 schickt Schockwellen durch Europa. Die Angreifer rücken an vielen Stellen vor, Panzer wälzen sich durch Dörfer. Eine Woche später wird die Stadt Cherson besetzt, im April begehen russische Soldaten in Butscha ein Massaker an Zivilisten. Wie so viele andere ist eine junge Frau aus Bottrop fassungslos angesichts dieser Bilder.”

Klar. Der Ukraine-Konflikt beginnt am 24. Februar 2022! Wen interessiert noch der Verlauf der ‘orangenen Revolution’ nach 2009, wen die legendäre Wahl vom 26.10.2014, wonach ‘der Westen’ einen Umsturz der Demokratie und eine Revolution auf dem Maidan unterstützte? Wen die Zeit danach, als monatelang ein ukrainisches Bombardement der prorussischen Ostgebiete stattfand? Alles egal: Der Ukraine-Konflikt begann nach Lesart der Medien erst im Februar 2022.

Natürlich ist das für die “junge Frau aus Bottrop” der Erweckungsmoment: Vorher ging ihr das Geschehen in der Ukraine vermutlich am Arsch vorbei - aber jetzt will sie an die Waffen!

Russlands Angriff auf die Ukraine. „Das war mein 9/11-Moment“, sagt Vanessa Vohs

Doch an Arbeit ist jetzt kaum noch zu denken. Die Nerven der Bürogemeinschaft rund um die Sicherheitspolitik-Expertin Claudia Major liegen an diesem Morgen blank. „Der Angriffs Russlands auf die Ukraine war mein 9/11-Moment“, erinnert sich die Bottroperin. Ihr hat sich dieser Tag ähnlich tief ins Gedächtnis eingebrannt wie bei Lebensälteren die Bilder von den Verkehrsflugzeugen, die islamistische Terroristen am 11. September 2001 in die Türme des World Trade Centers in New York flogen.

Das weiße „Z“ als russisches Siegeszeichen auf Militärfahrzeugen, der verzweifelte Widerstand ukrainischer Soldatinnen und Soldaten und von Zivilisten, die düstere „Zeitenwende“-Stimmung in Deutschland lösen eine „Du-musst-was tun“-Reaktion in der damals 24-Jährigen aus.

Auch hier: Was interessieren noch Russlands Annäherungsversuche an Deutschland und Europa, wahrscheinlich hat die Dame von Putins Rede auf Deutsch im Bundestag noch gar nichts gehört. Russen sind, das wusste vermutlich schon ihr Urgroßvater, durch und durch böse! Der Russe kommt!

Das hat sich geändert, zumindest bei Vanessa Vohs. Heute sagt sie: „Ich gehe davon aus, dass meine Generation einen Nato-Bündnisfall erleben kann. Wenn es so kommt, will ich nicht am Schreibtisch sitzen.“ Viele junge Leute engagierten sich für Soziales oder für den Klimaschutz. Das sei gut, findet Vanessa. Verteidigung sei aber genauso wichtig.

Aha! So versucht man also, der Klimabewegung den Kriegswillen einzuhauchen! Klebt euch nicht mehr auf Straßen fest. Klebt euch in euren Panzern fest! Auch den Aufwind der Linken (“Soziales”) wird man doch irgendwie in Richtung Front umleiten können?

Vanessa Vohs hat als Treffpunkt einen besonderen Ort ausgesucht, um von sich und ihren Ansichten zum Militär zu erzählen, Sie geht den „Kreuzweg“ der Zeche Prosper Haniel hinauf, dem bis zu seiner Schließung im Winter 2018 letzten deutschen Steinkohlebergwerk. Ihr Großvater hat hier malocht, der Vater und ein Onkel auch. „Ich bin unfassbar stolz darauf, was die Bergmänner auf der Zeche geleistet haben“, betont sie. Und sie vergleicht den Zusammenhalt unter Tage mit dem unter Soldaten. Kumpel und Kameraden – weit sei das nicht voneinander entfernt, findet sie.

Eine von uns! Ein ganz einfaches Mädel, verwurzelt im Ruhrpott! Kumpel und Malocher, die ihr treu unter Tage geschuftet habt - auch an der Front sind wir alle Kumpel! Lokalkolorit vom Feinsten! Auf zur Wehrmacht!

Bei der zweiten Kreuzweg-Station, die davon erzählt, dass Jesus das Kreuz auf sich nahm, steht ein Bergekasten. Das ist ein aus Holzschwellen aufeinander geschichtetes und mit Steinen gefülltes Geviert. „Jede Arbeit, ob körperlich oder geistig, ist unvermeidlich mit Mühe verbunden“, steht auf einer Tafel.

Dieser und andere Sätze auf dem Halden-Kreuzweg berühren die junge Frau. In der Familie Vohs sind Schweiß, schwielige Hände und kohlengeschwärzte Haut Belege für Fleiß und ehrlichen Broterwerb. Der lange und schmerzhafte Abschied vom Bergbau hat in ihr aber auch Überzeugungen ins Rutschen gebracht.

(…)

„Ich bin gläubig katholisch“, betont Vohs beim Aufstieg zum Halden- Kreuz. Auf die Frage, ob ihr Glaube nicht im Widerspruch stehe zur Bundeswehr, antwortet sie: „Die Kirche erkennt das Recht des Menschen auf Selbstverteidigung an.“

Auch Katholiken müssen für Aufrüstung und Krieg sein! Hier wird der Versuch gestartet, die nächste Lesergruppe zu kapern! Christenpflicht!

„Bergleute haben meist SPD gewählt. So war das in meiner Familie früher auch. Mein Vater hat oft gesagt, die CDU habe den Bergbau kaputt gemacht“, erklärt Vohs. Sie verstehe diesen Ärger, glaube aber nicht, dass ein noch dazu klimaschädlicher Wirtschaftszweig dauerhaft mit Subventionen am Leben gehalten werden dürfe. „Das hat auch mein Vater irgendwann eingesehen und ist heute sogar CDU-Mitglied“. Vanessa Vohs entschied sich schon mit 15, bei der Jungen Union (JU) mitzumachen. Eine „Herz-und-Kopf-Entscheidung“, sei das gewesen. Heute ist sie Bottroper Ratsmitglied, JU-Kreisvorsitzende und leitet stellvertretend die Internationale Kommission der JU in NRW.

Natürlich! Egal, ob SPD oder CDU - “Unsere Demokratie” hält zusammen. Im Schützengraben sind alle gleich. Da können wir sogar auch noch Linke, Grüne oder gar AfDler gut gebrauchen!

„Mein Engagement bei der Bundeswehr hat nichts mit Abenteuerlust zu tun“, versichert Vanessa Vohs. „Ich möchte Reserveoffizier werden, weil die Sicherheitslage in Europa ernst ist. Deutschland hat keine fünf Jahre Zeit, um kriegstüchtig zu werden.“ Dieses Zeitfenster wird oft genannt. Es bezieht sich auf Einschätzungen von Militärexperten und dem Verteidigungsministerium, wonach Russland bis 2029 in der Lage und willens sein könne, Nato-Länder anzugreifen. Friedensaktivisten bezweifeln dies.

Was die junge Dame sich leider nicht fragt: Was will Putin eigentlich mit einem kaputtmigrierten, gespaltenen Deutschland mit maroden Sozialsystemen, ohne nennenswerte Industrien und Bodenschätze? Und warum wartet er noch 5 Jahre, bis Deutschland aufgerüstet hat, anstatt es jetzt im Handstreich zu nehmen? Auf Basis welcher Studien kommt man darauf, dass Russland 2029 dann in der Lage und willens sein könnte? Fragen über Fragen, die man besser nicht stellt als Interviewer, wenn man möchte, dass der Beitrag auch abgedruckt wird.

Und dann wird es richtig pervers in der WAZ:

Der Präsident des Reservistenverbandes, Patrick Sensburg, sagt dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“, die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht sei nötig, um das Land verteidigungsfähig zu machen. Im Falle eines Krieges rechne er mit 1000 getöteten oder verwundeten Soldaten an der Front pro Tag. Die müssten ersetzt werden, und zwar auch maßgeblich durch Reservisten.

Dazu meint die junge Dame dann, dass ja zur Hälfte davon auch Frauen sterben könnten, dann käme man doppelt so lange aus - oder wie verstehe ich diesen Abschnitt:

Vanessa Vohs teilt Sensburgs Meinung zur Wehrpflicht. Man brauche sie, für Männer und für Frauen. „Frauen können genauso einen Beitrag zur Verteidigung leisten wie Männer. Auch das gehört zur Gleichberechtigung.“

Also, Mädels! Die Zeit des Heulens über eure verlorenen Männer und Söhne ist vorbei! Im kommenden Krieg dürft ihr mit ran - und auch mal Männer (falls noch welche übrig bleiben…) über den Tod der Ehefrauen und Töchter weinen!

Vanessa Vohs rät zu einem differenzierten Blick auf die Dinge und warnt davor, Militär und Waffen pauschal zu verteufeln. Das gelte auch für ihr Spezialgebiet – Autonome Waffensysteme. „Die sind nicht per se etwas Schlechtes. Sie können schwerwiegende Fehler machen, aber auch das Leben von Soldatinnen und Soldaten schützen.“ Wichtig sei der Kontext. Und dass der Mensch, nicht die Technik, über ihren Einsatz entscheide.

Also, Drohnen bitte nicht pauschal verurteilen! Nur, wenn Putin sie steuert oder der öffentlich-rechtliche Staatsfunk in Deutschland sagt, dass sie von Putin gesteuert werden.

Verteidigung sei Heimatschutz, und für ihre Heimat empfindet Vohs eine tiefe Zuneigung. Oben auf der Halde, wo das große Kreuz steht und der Blick aufs halbe Ruhrgebiet frei wird, sagt sie: „Die Mentalität der Menschen hier ist mir näher als die von einigen Menschen, die ich in Berlin kennengelernt habe, die weit weg sind von den Problemen und Sorgen der Malocher“. Die Selbstironie der Menschen im Revier gefalle ihr, die Bodenständigkeit, die raue Herzlichkeit. Für Vanessa Vohs sind es „Zeichen von Liebe.“

Bingo, ein emotionaler Abschluss! Ihr dürft sogar wieder eure Heimat lieben, wenn ihr dafür in den gewünschten Krieg zieht!

In dem fast ganzseitigen Beitrag und in der gesamten heutigen Ausgabe der WAZ findet sich natürlich keine Fragen zu Diplomatie und Verhandlungen. Kein Satz zum Standpunkt Russlands. Muss ja auch nicht: Russische Medien sind ja in Deutschland schon seit 5 Jahren verboten und man muss schon via VPN in der Schweiz ins Netz gehen, um noch russische Stimmen zu hören.

Es wird als gegebenes Faktum penetriert, dass wir Aufrüsten und kriegsbereit sein müssen. Es ist, wie andere politische Repressionen der letzten Jahre auch “alternativlos”. Natürlich sind es immer nur Akte der Verteidigung, wenn Kriege beginnen: Die Ukraine hat sich 2014 gegen eine angebliche prorussische Manipulation verteidigt (dabei war es nachweisbar ein demokratisches Wahlergebnis). Russland nur gegen die Bombardierung der unabhängigen Gebiete im Osten. Und auch wir werden uns nur verteidigen. “Um 5:45 Uhr wird endlich zurück geschossen”…

Dass dabei jetzt schon Hunderttausende gestorben sind und demnächst vielleicht wieder Millionen, ist für die Meisten unausweichlich. Das beweist dieser durch und durch propagandistische Beitrag in einer ganz normalen, etablierten Zeitung vom heutigen Tag!

Jedes zitierte Wort oben steht tatsächlich so in diesem Beitrag (leider hinter der Paywall) https://www.waz.de/politik/article410293323/offizier-anwaerterin-im-buendnisfall-will-ich-nicht-am-schreibtisch-sitzen.html


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