May Day. Mayday!
In vielen Ländern wird am 1. Mai der Internationale Tag der Arbeit(er) gefeiert. Von seinen Ursprüngen bis in die Gegenwart hat er auf fast allen Ebenen einen Bedeutungswandel erfahren – und das liegt nicht allein am Aussterben der so genannten Arbeiterklasse. Dessen Bezeichnung May Day ist der Öffentlichkeit heute eher durch das aus dem u.a. im Flugverkehr genutzten Notsignal „Mayday, Mayday!“ gegenwärtig. Und da gibt es durchaus einen Zusammenhang, der sich allerdings erst bei genauerer Betrachtung erschließt. Denn es geht um einen heute weit verbreiteten Hilferuf, der zu nichts weniger führen sollte, als zur „Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ wie Henry David Thoreau es in seinem gleichnamigen Essay Mitte des 19. Jahrhunderts bezogen auf die damaligen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten von Amerika formulierte.
Beginnen wir in unserer Betrachtung mit Ereignissen, die vor 140 Jahren in den USA, genauer gesagt in Chikago, stattgefunden haben. Am 1. Mai des Jahres 1886 fand auf den Straßen der Stadt ein Generalstreik für den Achtstunden-Arbeitstag statt. Der Einsatz für auf diese Weise geregelte Arbeitsbedingungen ist allerdings noch älter, schon Ende des 18. Jahrhunderts begannen diesbezügliche Bemühungen in Frankreich. Am vierten Tag des Streiks eskalierte die Demonstration als plötzlich eine Bombe detonierte, deren Urheber als unbekannt gilt. War es ein radikaler Anarchist? War es eine False Flag Aktion?
Die Hintergründe bleiben bis heute unklar. Die Auswirkungen waren jedenfalls fatal. Es kam bei den aktuell in den Geschichtsbüchern u.a. als Haymarket affair bezeichneten Ereignissen in der Folge der Detonation zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten, bei denen auf beiden Seiten Verletzte und auch Todesopfer zu beklagen waren. In Erinnerung an diese Vorkommnisse beschloss der Internationale Kongress der Arbeiterklasse 1889 in Paris einen Tag für große internationale Demonstrationen zu etablieren, die jeweils am 1. Mai weltweit stattfinden sollten. In der Zwischenzeit ist der Aufstand aus mehreren Gründen gezähmt. Zum einen zählt der Achtstunden-Tag zumindest in sich selbst gerne dem Wertewesten zurechnenden Ländern zum Status quo, zum anderen wurden viele der klassischen Arbeiterberufe obsolet oder in Angestelltenverhältnisse umgewandelt, was sie allerdings nicht weniger prekär werden ließ. Zudem ist die kommunistisch-sozialistische Ideologie, der der May Day seinen Ursprung verdankt zum einen verdammt worden, zum anderen zur Sozialdemokratie mutiert und hat damit die eigene DNA verloren. Das liegt aber auch daran, dass sich die ehemaligen Sozialisten mit dem herrschenden Wirtschaftssystem des Kapitalismus arrangiert und dieses mit ein bisschen linker Propaganda gesellschaftsfähig gemacht haben.
Als genialer Schachzug der Regierenden ist wohl auch die Einführung eines arbeitsfreien Feiertags zu diesem Zeitpunkt zu bezeichnen. Einmal im Jahr darf man ganz ungeniert und ungeahndet auf die Straßen gehen und für – ja wofür denn eigentlich? – demonstrieren. Wenn man die Bilder der Maiaufmärsche in den Medien betrachtet, wird einem weh bis völlig übel. Und das nicht bloß aus sozialistisch-kommunistischer Rückwärtsgewandtheit. Außerdem wurde er vom Tag der Arbeiter zum Tag der Arbeit degradiert. Sollen wir an ihm etwa die Tatsache feiern, dass wir arbeiten dürfen, also vielmehr einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen, um unsere Existenz zu sichern? Dabei gäbe es so vieles, wofür es sich nicht nur am 1. Mai einzutreten lohnte.
Bei meiner Recherche zur Herkunft des Notsignals „Mayday!“ stieß ich auf Verblüffendes, gleichzeitig aber endlich auch Klärendes. Ursprünglich soll es sich um den in französischer Sprache formulierten Hilferuf „M’aidez!“ (dt. Helft mir!) handeln, der dann – sicher zum Leidwesen aller Franzosen – auf die beschriebene Weise anglisiert wurde, weil dessen Aussprache sehr ähnlich klingt. Und genau diesen Hilferuf hören wir heute formuliert, meist anders und mitunter mit vielen Worten mehr, wenn es um den Wunsch nach Veränderung der bestehenden Verhältnisse geht. Viele wollen zurück in die „gute, alte Zeit“, eine wachsende Zahl von Menschen strebt nach einer neuen, zukunftsträchtigen Weltordnung. Der größte Denkfehler dabei ist auf beiden Seiten jener, dass man die Aufgabe gerne in andere Hände als die eigenen legen möchte. Und das funktioniert(e), wie man bei genauerer historischer Betrachtung leicht erkennen kann, niemals. Denn, wenn andere die Verantwortung übernehmen, dann geben sie auch die Richtung vor, in der wir alle gehen müssen. Der Mensch aber ist von der Grundhaltung her zwar ein soziales und kooperatives Wesen, aber eben auch Individuum. Genau darin liegt der Hund begraben, aber glücklicherweise auch die Lösung des Dilemmas.
Viel ist diesbezüglich auch nach Thoreau geschrieben worden, auch in den letzten 15 Jahren. Einige dieser Essays, die oft auch als Pamphlete verunglimpft und mit rechter oder linker Gesinnung verknüpft wurden, will ich hier nennen.
Zuvor aber möchte ich noch eine kleine Anmerkung aus persönlicher Erfahrung und Betroffenheit im Hinblick auf die Zuschreibung parteipolitischer Haltung anbringen: Als ich in konservativen Kreisen meine Ideen kundtat, wurde ich als Linker bezeichnet, gleichzeitig galt ich den Linken immer als verkappter Rechter. Und in den so genannten Corona-Jahren landete ich sogar im Nazi-Eck. Dabei ist meine Haltung eine zutiefst humanistische, die sich dem Schubladendenken entziehen möchte, es aber nur in wenigen Momenten schafft. Ist das nicht auch einer dieser Machtmittel der Herrschenden geschuldet, die da subversiv dem alten Slogan „Divide et impera“ folgen und uns alle gegeneinander aufbringen wollen, auf dass sich ihre Macht einzementieren möge?
Zurück zu den von mir angesprochenen Werken, die nicht nur analysieren, sondern durchaus auch zur Aktion aufrufen: Beginnen wir beim französischen Widerstandskämpfer und UNO-Diplomaten Stéphane Hessel, der in den Jahren 2011 und 2012 mit seinen Essays bzw. Reden „Empört euch!“, „Engagiert euch!“ und „An die Empörten dieser Erde“ die sich allgemein nicht nur in seinem Heimatland verbreitende Unruhe aufgegriffen und in Worte gefasst hat. Auch der sich als Linker bezeichnende Liedermacher Konstantin Wecker tat seine Sichtweisen zumindest theoretisch in seinen in den frühen 2010er-Jahren publizierten Appellen „Aufruf zur Revolte“ und „Entrüstet euch!“ kund, in der Praxis knickte er dann in den so bezeichneten Pandemiejahren vernebelt von der allgemeinen Angstmache leider ein. Auch der Friedensappell der Chefredakteurin des Online-Magazins fürs FreiSein Unsere ZeitenWende, Daniela Lupp, setzt auf Eigeninitiative in dieser für die Zukunft unserer Spezies so wesentlichen Aufgabe. Zudem erschien kürzlich bei regenauer.press ein Bändchen, in dem Silvia Lorenz unter dem Titel „Organisiert euch!“ ganz alltagspraktische Möglichkeiten für den Weg zum selbstbestimmten Leben eröffnet. Genau diese ganz persönlichen Veränderungen sind es auch, die im Kleinen beginnen, was im Großen wachsen soll.
Der Achtstunden-Tag ist nicht von heute auf morgen Realität geworden, es hat rund 100 Jahre gebraucht, bis er sich gemeinsam mit einer 5-Tage-Woche zumindest in vielen Bereichen durchgesetzt hat. Und dreißig Jahre später steht er schon wieder ernsthaft zur Disposition, was darauf hindeutet, dass erworbene Rechte nicht unbedingt von Dauer sein müssen und es Aufmerksamkeit erfordert, ihre Einhaltung zu stabilisieren. Der gemeinschaftliche Kampf dafür lohnt sich durchaus. Lohnenswerter aber scheint mir der Einsatz für grundsätzlich Menschliches von der Bildung über Wirtschaft und Geld sowie Ernährung, Umweltschutz und Gesundheit bis hin zu den Bedingungen des gesellschaftlichen Miteinanders.
Machen wir ausgehend von diesem May Day und inspiriert von dem einen oder anderen Vordenker jeden Tag zu einem Tag, an dem wir in unserem direkten Umfeld tatsächlich den not-wendenden Wandel umsetzen und nicht weiter nur davon träumen oder reden. Möglichkeiten gibt es viele, sicher noch mehr als wir in der engagierten und von mir zitierten Literatur finden können. Als Menschen sind wir nicht nur vernunftbegabt, sondern viel mehr noch kreativ. Darauf baue ich, im Kleinen handelnd, meine Zuversicht, dass sich meine und mit ihr die große, weite Welt zum Guten wandeln.
Zum Thema:
Henry David Thoreau, Von der Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat (deutsch | englisch)
Stéphane Hessel, Empört euch!, Ullstein 2011
Stéphane Hessel, Engagiert euch!, Ullstein 2011
Stéphane Hessel/Roland Merk, An die Empörten dieser Erde, Aufbau Verlag 2012
Konstantin Wecker, Aufruf zur Revolte, Gütersloher Verlagshaus 2013
Konstantin Wecker, Entrüstet euch!, Gütersloher Verlagshaus 2015
Daniela Lupp, Friedensappell, Unsere ZeitenWende, 2026
Silvia Lorenz, Organisiert euch!, regenauer.press, 2026
Bild von Sebastian auf Pixabay
Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben und im Online-Magazin fürs FreiSein “Unsere ZeitenWende” am 2.5.26 erstveröffentlicht.
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