Können OEP partizipatives Lernen und Demokratiebildung fördern

Unter dem Motto OEP & Demokratiebildung fand sich das Netzwerk Theologie und Hochschuldidaktik Ende März 2026 in Münster zusammen. Der Beitrag gibt Einblicke in Workshops, Diskussionen und Community-Formate und fragt, inwiefern Open Educational Practices (OEP) partizipatives Lernen und demokratische Bildungsprozesse an Hochschulen ermöglichen koennen. Im Fokus stehen klassismussensible Hochschulbildung sowie die Frage nach didaktischen und strukturellen Bedingungen für eine Kultur der Offenheit.
Können OEP partizipatives Lernen und Demokratiebildung fördern

Unter dem Motto “OEP & Demokratiebildung” fand sich das Netzwerk Theologie und Hochschuldidaktik vom 30.-31. März 2026 in Münster zusammen. Damit sollte der gedankliche Faden der letztjährigen Tagung mit dem Fokus auf OER aufgenommen, aber im größeren Kontext der offenen Bildungspraktiken verortet werden. Unseren Artikel über die letztjährige Tagung könnt ihr hier nachlesen. Das Ziel offener Bildungspraktiken spiegelte sich in der Tagungsorganisation wider, die bei Benedict Schöning (Universität Duisburg-Essen), Ludger Hiepel (Universität Münster) und Laura Mößle vom FOERBICO-Team lag: So waren die Beiträge offen und partizipativ angelegt, ein frei zugängliches Miro-Bord führte schon im Vorfeld auf die Tagung hin, während der Tagung durch das Programm und ermutigte auf diese Weise zur offenen Teilhabe.

Klassismussensible Hochschulbildung

Das FOERBICO-Team war durch Laura Mößle und Phillip Angelina vertreten und gestaltete einen Workshop zur klassismussensiblen Hochschulbildung durch OEP. Ausgangspunkt war eine Reflexion der eigenen Lehrerfahrungen, in der die Teilnehmenden Teilhabebarrieren in ihrer eigenen Lehre diskutierten. Im Rückgriff auf Alheit (2020) nahmen wir die Schließungstendenzen von Universitäten zum Anlass, strukturelle Ungleichheiten und habitualisierte Ausschlüsse im Hochschulkontext genauer zu analysieren. Beispiele hierfür sind implizite Erwartungen an den wissenschaftlichen Habitus oder soziale und ökonomische Voraussetzungen. Vor diesem Hintergrund rückte die Frage in den Fokus, inwiefern OEP dazu beitragen können, solche Barrieren nicht nur sichtbar zu machen, sondern auch produktiv zu irritieren und zu transformieren.

Anknüpfend an didaktische und gerechtigkeitsorientierte Überlegungen zu offener Bildung (vgl. Bali/ Cronin/ Jhangiani) (siehe auch Blogbeitrag), arbeiteten die Teilnehmenden im Workshop heraus, dass OEP über den bloßen Zugang zu Materialien hinausgehen: Sie sind als Praxis der Öffnung von Lernprozessen, der kollaborativen Wissensproduktion und der Anerkennung vielfältiger Perspektiven zu verstehen. OEP besitzen das Potenzial, klassische Machtasymmetrien in der Lehre aufzubrechen und neue Formen der Teilhabe zu ermöglichen. Zugleich ist Offenheit nicht voraussetzungslos: Zeitliche Ressourcen, institutionalisierte Lehr-Lern-Formate sowie normative Vorstellungen von Wissen, Autor:innenschaft und Rollen begrenzen die Umsetzungsmöglichkeiten von OEP in der Hochschullehre. OEP lassen sich zwar als technisches Instrument nutzen – etwa um Studierenden Teilhabe an der kollaborativen Gestaltung von Lernmaterialien und Wissensbeständen zu ermöglichen –, entfalten ihr inklusives Potenzial jedoch erst als reflexive, machtkritische Praxis, wenn sie bewusst gestaltet und didaktisch gerahmt werden.

Disziplinübergreifend wurde noch in weiteren Workshops ausgelotet, wie offene Bildungspraktiken Demokratiebildung stärken können. Nähere Einblicke in die anderen Workshops könnt ihr auf dem Miro-Bord erhalten.

Offenheit praktisch umsetzen

Der Community-Abend verschob den Fokus bewusst vom theoretischen Sprechen über OEP hin zu offenen Formen gemeinsamer Praxis. In diesem Format konnten die Teilnehmenden eigene OER und Seminarideen einbringen und im Austausch weiterentwickeln. Es entstanden auch spontane Arbeitsgruppen, etwa zu Fragen der Selbstorganisation und des Wissensmanagements mit der markdownbasierten Notiz- und Wissensmanagementsoftware Obsidian. Hierbei stellte das FOERBICO-Team Erfahrungen mit offenen Arbeitspraktiken bereit. Auch kollaborative Tools wie Git und Pads von HedgeDoc wurden erprobt und hinsichtlich ihrer Potenziale reflektiert.

Auch die im FOERBICO-Projekt erarbeiteten Qualitätskriterien wurden vorgestellt und gemeinsam diskutiert. Sie dienen als praxisnahe Orientierungsfolie, um die Überarbeitung und Qualitätsentwicklung von OER-Materialien zu unterstützen. Die Diskussion zeigte, dass sich Qualitätsfragen nicht auf technische oder formale Aspekte reduzieren lassen, sondern immer auch didaktische, inhaltliche und machtkritische Dimensionen umfassen. Besonders die Gespräche über Zugangsvoraussetzungen und technische Barrierefreiheit verdeutlichten, wie zentral diese Aspekte für eine inklusive Gestaltung von OER sind.

Der Community-Abend machte deutlich, dass sich OEP insbesondere in konkreten Praktiken des Teilens und gemeinsamen Weiterentwickelns entfalten. Weil OEP nicht leicht zu definieren sind, wird ihre Bedeutung am besten im Handlungsgeschehen und in kollaborativen Praktiken erfahrbar.

Learnings: Etabliete Muster produktiv irritieren

OER und OEP eröffnen mit ihrem Ansatz das Potenzial, bestehenden Ausgrenzungsstrukturen im Bildungssystem entgegenzuwirken. Sie erfordern jedoch technische Infrastrukturen – vom Zugang zu geeigneter Hardware bis hin zu Kompetenzen im Umgang mit digitalen Tools und offenen Arbeitsweisen – als auch entsprechende didaktische und institutionelle Rahmenbedingungen. Eine offene didaktische Haltung kann etablierte Lernmuster irritieren, da viele Studierende vor allem lehrendengesteuerte und stark vorstrukturierte Formen des Lernens kennen. Offene Bildungspraktiken zielen jedoch darauf, diese Routinen aufzubrechen und neue Formen der Partizipation und Wissensproduktion zu ermöglichen. Dies fordert die Hochschuldidaktik heraus: Partizipation von Studierenden erschöpft sich nicht nur in Referaten und Gruppenarbeiten, sondern bedeutet eine echte Beteiligung im gesamten Lehr- und Lernprozess.

Offene Bildungspraktiken im Hochschulkontext stehen häufig strukturellen Widerständen entgegen, etwa restriktive Lizenzierungsvorgaben oder begrenzte zeitliche Ressourcen in der Vorbereitung und Durchführung von Lehre. Darüber hinaus impliziert Offenheit ein erhöhtes Maß an Transparenz, wodurch bestehende Machtverhältnisse oft überhaupt erst sichtbar werden. Gerade darin liegt jedoch ein großes Potenzial: OEP können dazu beitragen, die Wissensproduktion partizipativer zu gestalten. Zum Beispiel durch sog. Open Text Books, die mit CC-Lizenzen ausgestattet sind, damit Lernende die Lerninhalte adaptieren und selbstständig weiterentwickeln können.

Es geht nicht um die unmittelbar perfekte Umsetzung offener Bildungspraktiken, sondern vielmehr um eine schrittweise Transformation von Lehr- und Lernkulturen und letztlich um eine veränderte Haltung der Lehrenden und Lernenden.

OEP und Demokratiebildung - Quo vadis?

Der Fokus auf partizipative Lehr-Lernformate lässt sich aktuell angesichts gegenwärtiger Debatten um offene Bildung beobachten. OEP erscheinen dabei zunehmend als Antwort auf eine von „Post-Truth“-Dynamiken geprägte Wissensordnung (vgl. Glassmann/ Tilak/ Kang). Offene Bildungspraktiken sind ein Baustein für einen produktiven und zugleich kritischen Umgang mit generativer KI. Denn von ihrer Logik her sind OER und OEP auf Transparenz, Veränderbarkeit und Teilhabe ausgelegt, während KI eine Blackbox darstellt, in der weder Input noch Output nachvollziehbar werden. Otto 2026, ging auf diesen Aspekt bei seiner Keynote auf der FOERBICO-Tagung genauer ein. Er zeigt auf, dass vor allem delegierbare und summative Aufgaben von KI unterstützt gelöst werden können, wohingegen der hochschuldidaktische Fokus auf Prozessorientierung gelegt werden sollte. Somit bilden OER und OEP einen Hebel, um KI-Literacy zu erwerben und dem KI-Fog zu entkommen. OEP verschieben die Rolle von Studierenden grundlegend – weg von der Rezeption hin zur aktiven Mitgestaltung von Wissen. In offenen, kollaborativen Settings kann Lernen damit selbst zu einer demokratischen Praxis werden. Informationen werden nicht nur aufgenommen, sondern gemeinsam geprüft und verantwortungsvoll weiterentwickelt. Das demokratiefördernde Potenzial von OEP liegt insbesondere darin, dass epistemische Autorität im Prozess kooperativer Aushandlung entsteht.

Zugleich zeigt sich – nicht zuletzt im Rahmen der Tagung –, dass diese Formen der Offenheit eine bewusste didaktische Rahmung sowie den gezielten Aufbau entsprechender Kompetenzen benötigt, um ihr volles Potenzial ausschöpfen zu können. Die Zukunft von OEP wird daher entscheidend davon abhängen, inwiefern es gelingt, diese Prozesse nachhaltig in Lehr- und Lernkulturen zu verankern und in eine gelebte Praxis zu überführen.

Literatur:

Alheit, P. (2020). Ein kritischer Blick auf Öffnungs- und Schließungstendenzen ausgewählter europäischer Universitätssysteme, in: Iller C.; Lehmann, B.; Vierzigmann, G.; Vergara S. (Hg.): Von der Exklusion zur Inklusion. Weiterbildung im Sozialsystem Hochschule, Bielefeld, 19–32.

Bali, M.; Cronin, C. & Jhangiani, R. S. (2020). Framing Open Educational Practices from a Social Justice Perspective, in: Journal of Interactive Media in Education, 10(1), 1–12.

Glassman, M.; Tilak, S. & Kang, M. J.(2023) Transcending post-truth: Open educational practices in the information age, in: Distance Education, 44 (4), 637-654.

Bildnachweis: Foto von Nk Ni auf Unsplash


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