Das Geheimnis der Nordseeinseln
Warum ich die Nordseeinseln im Herbst liebe…
(…) nach dem Frühstück beginnen wir unsere Inselrunde (“Was macht ihr den ganzen Tag da? Rumlatschen?”) in Richtung Westen. Da ja Juist, als lang gezogene Sandbank, im Wesentlichen nur zwei Himmelsrichtungen kennt, fällt die Entscheidung, wohin man geht, hier noch leichter, als auf den anderen Inseln: Entweder nach Westen oder nach Osten!
Das ist wohl das Geheimnis, welches nur derjenige aufdeckt, der sich auf die Nordseeinseln einlässt! Der Zauber entsteht durch die bloße Abwesenheit von Optionen! Besonders Juist, Spiekeroog, Baltrum, Langeoog: Es ist nicht nur die räumliche Reduktion auf wenige (aber wunderbare) Wege, die man wählen kann! Es ist auch die Reduktion auf die Art der Fortbewegung: Es geht per Pedes los, wer es nicht schafft, sich ganz auf die totale Entschleunigung einzulassen, der nimmt ein Fahrrad oder maximal eine Pferdekutsche. Ansonsten war es das! Die Abwesenheit lärmender Verbrennungsmotoren und damit des Grundrauschens der heutigen Zivilisation, schafft einen ungewohnt entspannten Soundtrack, der durch Minimalismus besticht. Wind, Wellenrauschen, Möwenrufe… Und selbst das Surren eines Kühlschranks fällt dir plötzlich als Geräusch auf. Und lautes Reden von Passanten wirkt störend.
Die erholsame Abwesenheit von Optionen erstreckt sich aber auch auf viele andere Bereiche! Du kannst das Lebensnotwendige kaufen und hier und da sogar bescheidenem Shopping nachgehen. Aber du musst dich nicht mit Parkhäusern, riesigen Malls und hunderten redundanter Geschäfte mit dann doch gleichen Lifestyle-Sortimenten belasten. Es gibt keine “Must-haves” und keine “Must-sees”, keine Türme, vor deren Besteigung du in Touristenschlangen stehen musst. Keine Aussichtspunkte, an denen Busladungen von Menschen ausgespuckt werden, weil man unbedingt dort gewesen sein muss. Du musst nicht nachts aufstehen, um rechtzeitig auf irgendwelchen Gipfeln gewesen zu sein. Du musst nicht überlegen, ob du die Abende in Sternerestauarant oder stylischen Clubs verbringen willst - es wird eh das Meer oder die Ferienwohnung…
Gehe ich nach links - oder nach rechts: Das ist im Wesentlichen die Entscheidung, mit der du dich auf Inseln wie Juist belasten musst, um einen frischen, luftigen, aerosolhaltigen, würzigen, oft sonnigen, manchmal windigen, belebenden, besinnlichen, erholsamen, stillen, genussreichen, schönen Tag zu haben. Wer dieses Gefühl von innerer Balance und Entschleunigung nicht erlebt hat, wird denken, dass ich einen am Brett habe. Aber ich bin nicht der Einzige, der das genießen kann, wie die Belegungszahlen der Ferienquartiere hier zeigen…
Heute jedenfalls geht es nach links, nach Westen: Am windigen, wunderbaren Strand entlang. Zeit zum Atmen. Zeit zum Auspendeln. (…)
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