Wenn Bitcoin dich zu Tolle führt

Sonderausgabe #04 | Die Kraft der Gegenwart
Wenn Bitcoin dich zu Tolle führt

Das Leben geschieht immer jetzt. In diesem Moment. Nie gestern. Nie morgen. JETZT.

So oder so ähnlich lauten die Worte von Eckhart Tolle, einem der inspirierendsten Weisheitslehrer, die mir in den letzten Monaten begegnet sind. Der Tipp kam aus der Bitcoin-Community: Manu vom Münzweg-Podcast hat seine Bücher mehrfach erwähnt – in privaten Gesprächen und auch „on the record“.

Manchmal erinnert mich Tolles Erzählweise an die Art, wie Bitcoiner gerne in First Principles denken: Sie brechen ein Thema auf seine grundlegendsten Bausteine herunter und denken von dort aus neu – mit mehr Leichtigkeit und Klarheit.

Es gibt heute unzählige spirituelle Lehren, Lehrer, Influencer, Berichte, Theorien, Praktiken, Retreats… Spätestens seit dem Einzug sozialer Medien in unseren Alltag ist das Angebot explodiert.

Ob diese gigantische Auswahl den Zugang zu spirituellen Themen erleichtert oder erschwert, mag ich nicht beurteilen. Für mich jedenfalls ist sie pures Chaos – und ich merke, dass mir diese Angebotsfülle oft nicht wirklich hilft.

Umso dankbarer bin ich für Eckhart Tolle und seine zeitlosen Gedanken, die den Blick zurück aufs Wesentliche lenken. Denn beim Wesentlichen beginnt oft die eigentliche Irritation: Plötzlich tauchen Fragen auf, die so grundlegend sind, dass man sich wundert, warum man sie nicht schon viel früher gestellt hat.

So ging es mir mit Bitcoin.

Wenn du dich intensiv mit Bitcoin beschäftigt hast, kennst du vermutlich dieses Gefühl: Etwas, das du lange für wahr gehalten hast, entpuppt sich plötzlich als falsch.

  • „Eine moderate Inflation ist wichtig – ohne sie läuft die Wirtschaft nicht.“

  • „In der digitalen Welt kann es keine Knappheit geben.“

  • „Geld muss vom Staat kontrolliert werden.“

Diese drei Sätze hätten wahrscheinlich viele Menschen als wahr akzeptiert, bevor sie sich intensiver mit Bitcoin auseinandergesetzt haben. Ich zähle mich dazu. In der Folge drängte sich mir eine neue Frage auf: Welche falschen Gewissheiten verbergen sich sonst noch in meiner Welt?

  • Wie gesund oder ungesund sind Hühnereier?
  • Wie wohlwollend sind staatliche Institutionen?
  • Was ist gute Bildung?
  • Wer profitiert von Steuern?
  • Warum gibt es Kriege?

Die Liste neuer Fragen wurde sehr lang – und sie hört bis heute nicht auf, länger zu werden. Und weil ich von diesem wilden Fragenkarussell offenbar nicht genug bekommen kann, stehe ich fast wöchentlich auf dem Gipfel aller Frageberge und höre vor meinem geistigen Ohr:

  • Warum existieren wir?

  • Woher kommen wir?

  • Wie funktioniert Bewusstsein?

Was selbst die Naturwissenschaften kaum beantworten können, werde ich in den kommenden Leseminuten nicht vollumfänglich behandeln. Und sollte ich es jemals versuchen, werde ich dabei möglicherweise völlig wahnsinnig klingen. 😄

Ich möchte dir mit den folgenden Worten einen Türspalt öffnen, durch den es sich lohnt, hindurchzugehen – um den großen Fragen ein kleines Stückchen näherzukommen…


Wenn Bitcoin dich zu Tolle führt | Bild mit KI generiert


ÜBER DIE KRAFT DER GEGENWART

Diese Worte erheben keinen Anspruch auf eine vollständige Buchrezension und schon gar nicht auf eine ganzheitliche Literaturkritik. Ich möchte lediglich einige Gedanken aus Eckhart Tolles meistgelesenem Werk herausgreifen, die etwas in mir verändert haben – und mich bis heute bewegen. Falls du das Buch „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ noch lesen wirst, erzählt es dir vielleicht eine ganz andere Geschichte…

1. Descartes’ Irrtum

„Ich denke, also bin ich“ tönt eines der bekanntesten Zitate der Menschheit.

Der französische Philosoph René Descartes formulierte diesen Gedanken im Jahr 1637 in seiner „Abhandlung über die Methode“ – ursprünglich auf Französisch: „Je pense, donc je suis“. Später wurde daraus die berühmte lateinische Formel: „Cogito, ergo sum“.

Eckhart Tolle hält diesen Satz nicht für eine große Wahrheit, sondern für einen großen Irrtum. Für ihn liegt der Fehler darin, Denken mit Sein zu verwechseln. Als wäre ich meine Gedanken. Als wäre die Stimme in meinem Kopf das, was ich im tiefsten Sinne bin.

Und tatsächlich: Ein Großteil unseres Lebens beruht auf der gegenteiligen Annahme. Wir identifizieren uns mit dem, was wir denken: mit unseren Meinungen, Erinnerungen, Sorgen, Plänen, Rollen, Überzeugungen und Geschichten über uns.

Mich hat dieser Gedanke getroffen, weil ich merke, wie viel Zeit ich in meinem Kopf verbringe. Ich analysiere, kommentiere, erinnere, plane, bewerte, vergleiche… Manchmal nehme ich den Denker in mir wahr, als säße irgendwo ein Kommentator, der niemals Pause macht. Und weil diese Stimme so vertraut ist, halte ich sie automatisch für… mich.

Tolle lädt dazu ein, den Denker in uns zu beobachten und nicht mit dem zu verwechseln, wer wir eigentlich sind.

Tolle ist nicht gegen das Denken. Er ist nicht in Feindschaft mit dem Verstand. Er weist lediglich auf eine einfache Beobachtung hin: Wenn ich meine Gedanken wahrnehmen kann, kann ich nicht ausschließlich meine Gedanken sein.

Ich denke.

Aber ich bin auch diejenige, die bemerkt, dass ich denke.

2. Die Illusion von Zeit

„Zeit ist kostbar“ – kein Satz, der einem berühmten Philosophen zugeschrieben wird, aber eine Redewendung, die du wahrscheinlich in diesem Moment für wahr hältst. Richtig?

In der Bitcoin-Community kennt man eine Erweiterung davon, die den Wert der Zeit aus ihrer Knappheit ableitet: „Zwei Dinge sind absolut begrenzt: Bitcoin. Und Lebenszeit.“

Auch diesem Gedanken würde Tolle vermutlich widersprechen. „Zeit ist überhaupt nicht kostbar“, schreibt er in seinem Buch. Kostbar sei nicht die Zeit, sondern das Jetzt – jener einzige Erfahrungsraum, in dem Leben tatsächlich geschieht.

Denn Vergangenheit und Zukunft haben für Tolle keine eigenständige Wirklichkeit: Die Vergangenheit erscheint als Erinnerung im Jetzt. Die Zukunft erscheint als Vorstellung im Jetzt. Selbst wenn ich an gestern denke oder mir morgen ausmale, geschieht dieses Denken immer nur jetzt.

Falls dir das zu abstrakt klingt, überprüfe es selbst: Kannst du irgendeinen Teil deines Lebens außerhalb dieses Moments berühren? Kann irgendetwas in dir erscheinen, ohne jetzt zu erscheinen? Kann Leben jemals anders erfahren werden als genau jetzt – in unmittelbarer Gegenwart?

Was die meisten von uns „Zeit“ nennen, ist für Tolle vor allem eine Bewegung des Verstandes. Das Leben selbst wartet aber nicht in der Zukunft und liegt auch nicht in der Vergangenheit verborgen. Es entfaltet sich ausschließlich jetzt, in diesem Augenblick.

Nichts existiert außerhalb der Gegenwart.

3. Der Widerstand gegen das Jetzt

„Mach den Moment zu deinem Verbündeten, nicht zu deinem Feind.“

Für mich ist das eine der zentralen Aussagen in Eckhart Tolles Werk. Denn sie richtet den Blick auf ein Muster in uns, das oft ganz automatisch abläuft: Unser Leiden entsteht nicht nur aus der Situation selbst, sondern aus unserem inneren Widerstand gegen das, was gerade ist.

Der gegenwärtige Moment ist immer schon da. Er ist die einzige Wirklichkeit, mit der wir arbeiten können. Und doch behandeln wir ihn erstaunlich oft wie einen Gegner.

  • „Das darf nicht sein.“

  • „Das sollte anders sein.“

  • „Warum passiert das ausgerechnet mir?“

  • „Wenn das hier vorbei ist, kann ich endlich wieder durchatmen.“

In solchen Momenten kämpfen wir nicht nur mit der äußeren Situation. Wir kämpfen zusätzlich mit der Tatsache, dass sie überhaupt da ist. Und dadurch entsteht eine zweite Schicht Schmerz: zur eigentlichen Herausforderung kommt unser Widerstand gegen die Herausforderung hinzu.

Das bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Es bedeutet nicht, passiv zu werden, Ungerechtigkeit zu akzeptieren oder notwendiges Handeln zu vermeiden.

Bei Tolle heißt Akzeptanz vielmehr: „Das ist jetzt gerade die Realität.“ Für ihn liegt darin kein Aufruf zur Gleichgültigkeit, sondern das Gegenteil: Erst wenn wir aufhören, den gegenwärtigen Moment innerlich abzulehnen, erhalten wir wieder Zugang zu unserer Handlungsfähigkeit. Wir verlieren weniger Energie im Widerstand – und haben mehr Kraft für das, was wir wirklich verändern können.

Tolle lädt uns ein, diesen Moment nicht länger als Störung zu betrachten. Nicht als Hindernis auf dem Weg zu einem besseren Leben. Sondern als einen stillen Verbündeten, der uns immer wieder zurück ins Leben ruft.

4. Das Unbehagen

Kennst du dieses subtile Gefühl des Unbehagens im Alltag? Es begleitet dich im schlimmsten Fall durch den ganzen Tag: Ein inneres Ziehen. Eine unterschwellige Unzufriedenheit. Leichte Gereiztheit. Ruhelosigkeit. Oder Langeweile. Ungeduld. Als wäre der Moment, so wie er ist, noch nicht gut genug.

In seinem Buch spricht Tolle über dieses Unbehagen und bezeichnet es als eine Form von Unbewusstheit. Oft ist dieses Unbehagen so vertraut, dass wir es kaum bemerken. Wir nennen es Stress. Alltag. Viel zu tun. Schlechte Laune. Montagmorgen. Wir halten es für normal, weil es uns unter Umständen ständig begleitet.

Für Tolle ist dieses leise Unbehagen ein wichtiger Hinweis.

Ein Hinweis darauf, dass wir innerlich nicht ganz im Jetzt sind. Dass unser Körper zwar hier ist, unser Verstand aber schon beim nächsten Moment. Beim nächsten Ziel. Bei der nächsten Erleichterung. Beim Gedanken, dass dieser Augenblick eigentlich anders sein müsste, damit wir wirklich zufrieden sein können.

  • „Wenn diese Aufgabe erledigt ist, kann ich entspannen.“

  • „Wenn das Wochenende da ist, beginnt mein Leben wieder.“

  • „Wenn ich endlich woanders bin, geht es mir besser.“

  • „Wenn diese Person sich anders verhält, muss ich mich nicht mehr aufregen.“

  • „Wenn ich das Problem gelöst habe, wird endlich alles leichter.“

Und noch einmal: Er sagt nicht, dass wir nichts verändern sollen. Natürlich gibt es Situationen, die wir verlassen, klären oder verbessern können und sollen. Natürlich gibt es Aufgaben, die erledigt werden müssen. Natürlich gibt es Konflikte, die eine Antwort brauchen.

Aber er lädt uns ein, aufmerksam hinzuspüren: Aus welchem inneren Zustand heraus handeln wir?

Handeln wir aus Klarheit und Überzeugung – oder aus Widerstand gegen das Jetzt?

Werden wir tätig, weil etwas wirklich getan werden will – oder weil wir diesen Moment innerlich nicht aushalten?

Treffen wir eine Entscheidung aus Präsenz – oder aus dem Wunsch, möglichst schnell das zum Schweigen zu bringen, was gerade in uns auftaucht und gehört werden will?

Das leise Unbehagen wird dadurch zu einer Art innerem Signal. Zu einem Helfer. Zu einer Einladung, kurz innezuhalten und zu fragen:

Bin ich in diesem Moment wirklich hier? Wirklich präsent?

Oder ist da Unbehagen? Widerstand? Der Wunsch, dass dieser Augenblick anders sein möge?

Sobald wir das Unbehagen bewusst wahrnehmen, sind wir nicht mehr vollständig darin gefangen. Denn dann ist da nicht mehr nur Unbehagen, sondern zusätzlich auch Bewusstsein für das Unbehagen. Und das ist der erste Schritt zurück in die Gegenwart.

5. Der Schmerzkörper

Beim leisen Unbehagen des Alltags bleibt Tolle nicht stehen. Er geht noch einen Schritt tiefer und beschreibt etwas, das er den Schmerzkörper nennt.

In einfachen Worten meint Tolle damit alten, nicht vollständig verarbeiteten emotionalen Schmerz, der sich in uns angesammelt hat. Verletzungen, Kränkungen, Ängste, Demütigungen, Trauer, Wut. Dinge, die längst vergangen sind – aber in uns weiterleben, weil sie nie wirklich bewusst durchfühlt oder losgelassen wurden.

Tolle beschreibt diesen Schmerzkörper nicht nur als Erinnerung im Kopf, sondern als etwas, das sich auch körperlich anfühlen kann. Als emotionales Energiefeld. Als gespeicherter Schmerz, der manchmal ruht – und manchmal aufwacht und aktiv wird. Als Ansammlung alter emotionaler Verletzungen, die sich in Körper und Verstand festsetzen können.

Vielleicht kennst du solche Momente:

  • Eine Bemerkung trifft dich viel härter, als sie eigentlich sollte.

  • Eine Situation löst plötzlich Wut aus, die größer ist als der Anlass.

  • Du ziehst dich zurück, greifst an oder fühlst dich innerlich wie ein Kind, das nicht gesehen wurde.

Von außen betrachtet scheint die Reaktion vielleicht übertrieben. Aber innerlich fühlt sie sich in diesem Moment vollkommen real an. Möglicherweise, weil nicht nur der aktuelle Moment reagiert, sondern auch alter Schmerz, der durch diesen Moment berührt wurde.

Das ist für mich einer der hilfreichsten Aspekte an Tolles Begriff: Er nimmt die Reaktion ernst, ohne sie zur Wahrheit zu erklären. Der Schmerzkörper sagt vielleicht:

  • „Niemand versteht mich.“

  • „Ich muss mich verteidigen.“

  • „Ich bin hier nicht sicher.“

  • „Ich bin nicht genug.“

Und in dem Moment, in dem der Schmerzkörper aktiv ist, glauben wir ihm.

Wir sind dann nicht mehr nur traurig. Wir glauben, die Traurigkeit zu sein.

Wir sind nicht mehr nur wütend. Wir glauben, die Wut zu sein.

Wir nehmen nicht nur eine Verletzung wahr. Wir sehen die Welt durch die Brille der Verletzung.

Tolle würde vermutlich sagen: Hier beginnt die Identifikation. Der alte Schmerz wird wach – und wir halten ihn für uns selbst.

Der entscheidende Schritt ist deshalb nicht, den Schmerzkörper zu bekämpfen. Nicht, ihn schnell wieder zu unterdrücken. Nicht, sich dafür zu schämen. Sondern ihn bewusst wahrzunehmen, während er aktiv ist:

  • „Da ist Wut.“

  • „Da ist Angst.“

  • „Da ist Verletzung und Verzweiflung.“

  • „Da ist ein alter Schmerz, der beachtet werden will.“

Sobald wir den Schmerzkörper bemerken, entsteht ein kleiner Abstand. Wir sind dann nicht mehr vollständig im alten Muster gefangen. Wir können jetzt wahrnehmen: Etwas in mir ist aktiviert. Etwas in mir leidet. Aber ich muss diesem Schmerz nicht mehr das Steuer überlassen.

Das klingt einfach. Ist es aber natürlich nicht immer.

Denn aus Tolles Sicht will der Schmerzkörper überleben. Er will Nahrung. Und seine Nahrung ist neuer Schmerz: Drama, Streit, alte Geschichten, Selbstmitleid, Schuld, Angriff, Rückzug. Der Schmerzkörper ist auf unbewusste Identifikation angewiesen und fürchtet sich vor dem Licht des Bewusstseins.

Deshalb wiederholen sich viele Konflikte immer und immer wieder. Deshalb wählen wir bestimmte Reaktionen immer wieder, obwohl sie uns nicht guttun. Deshalb sucht ein Teil von uns nach dem nächsten Beweis, dass die alte Wunde recht hatte, obwohl sich ein anderer Teil nach Frieden sehnt.

Tolle ermutigt uns, in genau solchen Situationen wach zu werden. Nicht erst nach dem Streit. Auch nicht erst, wenn alles wieder okay ist. Sondern möglichst mitten in dem Moment, in dem der Schmerz aktiv wird. Es kann mit einem einzigen inneren Satz beginnen:

„Ah. Das ist der Schmerzkörper.“

Sobald wir den Schmerz bewusst wahrnehmen, sind wir nicht mehr nur der Schmerz. Dann ist da Schmerz – und Bewusstsein für den Schmerz. Und hier beginnt die Freiheit, dem alten Muster nicht wieder zu folgen.

6. Werde gegenwärtig

Eckhart Tolle sieht den Ausweg aus Widerstand, Unbehagen und all diesen alten inneren Mustern nicht in einer neuen Theorie. Auch nicht in einem fancy Retreat. Sondern im jetzigen Moment. In der Gegenwart. Darin, wirklich gegenwärtig zu werden.

Das klingt im ersten Moment fast schon zu einfach. Und vielleicht ist es genau deshalb so schwer zu begreifen. Unser Verstand hätte lieber etwas Komplizierteres – mit mehr Methode, mehr Technik, mehr Aufwand.

Doch darin steckt die Essenz von Tolles Botschaft: Wir müssen nicht erst irgendwo ankommen, um präsent zu sein. Wir müssen auch nicht erst etwas Kompliziertes leisten. Wir müssen nicht warten, bis der Kopf still, der Kalender leer oder das Leben sortiert ist. Der Einstieg ist immer derselbe: dieser Moment.

Und dieser Moment ist immer da. Immer bereit. Er beginnt nicht in einem Seminar. Nicht auf einem Berg. Nicht erst nach zehn Jahren Meditation. Sondern genau hier: beim Lesen dieser Zeilen. Während dieses Atemzugs. Beim Gefühl deiner Füße auf dem Boden. Beim Geräusch nebenan. Bei der Anspannung in deinen Schultern. Beim Gedanken, der gerade auftaucht.

Für Tolle ist Gegenwärtigkeit keine weitere Aufgabe auf unserer To-do-Liste. Kein spirituelles Projekt, das wir irgendwann abschließen. Eher eine Rückkehr zu dem, was schon da ist, bevor der Verstand wieder eine Geschichte konstruiert und uns ablenkt von dem, was ist.

Eine der einfachsten Türen in die Gegenwart ist der Körper. Nicht der Körper als Bild im Spiegel. Nicht der Körper als Baustelle, die optimiert werden muss. Sondern der Körper als unmittelbare Erfahrung. Als Empfindung von innen.

  • Kannst du deine Hände spüren, ohne sie anzusehen?

  • Kannst du wahrnehmen, wie dein Atem kommt und geht?

  • Kannst du für einen Moment bemerken, wie es sich anfühlt, hier zu sitzen, zu stehen, zu sein?

Solche Fragen wirken banal. Aber darin liegt der Zugang zur Kraft der Gegenwart. Sie holen uns aus der abstrakten Welt der Gedanken zurück in die direkte Erfahrung: Aus „Was wäre, wenn?“ zurück zu „Was ist jetzt?“

Der Atem kann so eine Tür sein. So ein Anker. Denn der Atem passiert immer jetzt. Du kannst nicht gestern atmen. Du kannst nicht morgen atmen. Jeder bewusste Atemzug bringt dich zurück an den einzigen Ort, an dem Leben tatsächlich geschieht: in die Gegenwart.

Tolle schlägt außerdem vor, den inneren Beobachter in uns zu stärken – jenen Teil, der Gedanken, Gefühle und Reaktionen wahrnehmen kann, ohne sofort mit ihnen zu verschmelzen.

  • „Da ist ein Gedanke.“

  • „Da ist ein Gefühl.“

  • „Da ist Widerstand.“

  • „Da ist Unruhe.“

  • „Da ist der Wunsch, dass alles anders sein möge.“

Schon diese einfache Wahrnehmung verändert etwas. Denn in dem Moment, in dem wir bemerken, was in uns geschieht, sind wir nicht mehr vollkommen darin verstrickt. Wir schaffen damit einen Raum zwischen Reiz und Reaktion. Zwischen Gefühl und Handlung. Zwischen dem alten Muster und der Möglichkeit, aus dem Muster auszubrechen.

Gegenwärtigkeit ist deshalb weniger ein Zustand, den wir erreichen, als eine Beziehung, die wir zum jetzigen Moment eingehen.

Wir können beim Abwasch ganz woanders sein – oder das warme Wasser spüren.

Wir können beim Gehen schon an den nächsten Termin denken – oder den Boden unter unseren Füßen wahrnehmen.

Wir können einem Menschen zuhören und gleichzeitig innerlich unsere Antwort vorbereiten – oder wirklich hören, was die Person jetzt gerade sagt.

Es geht nicht darum, den ganzen Tag in perfekter Präsenz zu verbringen. Das wäre vermutlich nur ein weiteres Ideal, an dem wir scheitern könnten. Es geht darum, immer wieder zum jetzigen Moment zurückzukehren.

Einmal öfter bemerken, dass wir im Kopf verschwunden sind.

Einmal öfter den Körperempfindungen nachspüren.

Einmal öfter den Atem wahrnehmen.

Einmal öfter den Denker beobachten.

Einmal öfter alten Schmerz bemerken, bevor der Schmerzkörper wieder das Ruder übernimmt.

Hier wird Tolles Lehre zu etwas, das wir üben können: Gegenwärtigkeit beginnt nicht erst mit einem anderen Leben. Sondern damit, den Moment, der bereits da ist, bewusst zu betreten.

7. Vom Lesen ins Leben

Es gibt Bücher, die man liest und gerne weiterempfiehlt. „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ zählt für mich dazu. Gleichzeitig ist dieses Buch unter meinen persönlichen Favoriten ein Sonderling. Denn seine Inhalte sind nicht nur aufschlussreich – sie sind in meinem Alltag heute relevant.

Wenn ich in die Küche laufe, beobachte ich meinen Atem. Wenn ich durch die Weinreben spaziere, versuche ich, präsent zu sein und das Auftreten meiner Füße auf dem Kies zu spüren, den Vögeln zu lauschen, den Geruch der Jahreszeit wahrzunehmen.

Noch nie wirkte der Frühling auf mich so lebendig wie in diesem Jahr. Es mag sein, dass er tatsächlich besonders farbenfroh ist. Besonders prächtig. Besonders blütenreich. Aber ich glaube, dass Eckhart Tolles Worte mindestens einen Teil dazu beigetragen haben, dass ich die letzten Wochen intensiver wahrgenommen habe als sonst.

Es gibt Tage, an denen ich Unbehagen spüre. Ich versuche, mich nicht mehr dagegen zu wehren. Durch Tolles Lehre nehme ich diese Information dankend an. Ich betrachte sie als Hinweis – und finde dann zurück in die Präsenz.

An manchen intensiven Tagen meldet sich mein Schmerzkörper. Und wenn ich ihn als solchen wahrnehme, fühlt sich das wie eine wichtige Errungenschaft an. Denn in diesem Moment wird Veränderung möglich. Ein kleiner, wesentlicher Schritt ist bereits getan.

„Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ und Tolles zweites großes Hauptwerk „Eine neue Erde“, das ich mit ähnlicher Faszination gelesen habe, sind für mich wahre Geschenke an die Menschheit. Bücher mit großer Wirkkraft.

„Der jetzige Moment ist der Schlüssel zur Spiritualität“, schreibt Tolle. Und ich bin mir inzwischen fast sicher: Wer die großen Fragen des Lebens stellt, kommt an der Gegenwart nicht vorbei…


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Hab einen schönen Tag oder eine gute Woche – ganz egal, wann du diese Worte liest.

Nicole ❤️


Veröffentlicht am 5. Mai 2026 auf Substack.


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Danke für das “Lese-Stuff”, das du teilst. Und was könnte besser passen als ein Thema, das uns alle regelmäßig beschäftigen sollte: „Die Gegenwart leben“. Auch wenn er andere andere Lern- und Übungsmethoden in den 60er und 70er Jahren verwendete, hat ein Schriftsteller namens Carlos Castaneda – wenn ich mich recht erinnere, in «Las Enseñanzas de Don Juan» – ebenfalls tiefgründig darüber geschrieben.

Reply to Omar-VgWs ⓥ ₿…

Danke für den Artikel, der ist Dir besonders gut gelungen.

Reply to Elch…