Friedrich Schiller über Bitcoin
Was hat das Schwergewicht der deutschen Literatur und Dichtung, Friedrich Schiller, mit Bitcoin zu tun? Seine Welt drehte sich um Ideale von Freiheit und Menschlichkeit, nicht um die Mechanismen von Währungen – geschweige denn um etwas wie Bitcoin. Schiller lebte im 18. Jahrhundert (1759–1805), Bitcoin ist eine Technologie des 21. Jahrhunderts, kaum zwei Jahrzehnte alt.
Nichtsdestotrotz gibt es ein erstaunliches Stück von Schiller, das mir oft in den Sinn kommt, wenn ich über Bitcoin nachdenke und reflektiere, wie die Beschäftigung mit dieser Technologie mich in den letzten Jahren verändert hat.
Schiller wurde 1789 zum Professor für Geschichte in Jena ernannt und hielt dort seine Antrittsrede zu seiner Lehrtätigkeit, „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“. In dieser Rede skizziert er seine Vision von Bildung und Erkenntnis, indem er den Studenten zwei Arten von Gelehrten vorstellt – zwei Gedankenmodelle und Mindsets: den „Brotgelehrten“ und den philosophischen Kopf.
Der Brotgelehrte ist ein pragmatischer, enger Spezialist, eine „Sklavenseele“, die Wissen anhäuft, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, ohne tiefere Neugier oder Streben nach Erkenntnis. Sein Studium dient einem äußeren Zweck, meist beruflicher Notwendigkeit. „Seine größte Angelegenheit ist jetzt, die zusammengehäuften Gedächtnißschätze zur Schau zu tragen und ja zu verhüten, daß sie in ihrem Werthe nicht sinken. Jede Erweiterung seiner Brodwissenschaft beunruhigt ihn, weil sie ihm neue Arbeit zusendet oder die vergangene unnütz macht; jede wichtige Neuerung schreckt ihn auf, denn sie zerbricht die alte Schulform, die er sich so mühsam zu eigen machte, sie setzt ihn in Gefahr, die ganze Arbeit seines vorigen Lebens zu verlieren“, beschreibt Schiller.
Der philosophische Kopf hingegen verkörpert den idealistischen Denker, der Wissen um seiner selbst willen sucht, Zusammenhänge erkennt und die Welt in ihrer Gesamtheit zu begreifen strebt. Ein Streben nach Weisheit und universeller Einsicht prägt sein Wesen. Schiller stellt sie als Gegensätze dar: der eine mechanisch und nützlichkeitsorientiert, der andere frei und geistig erhaben. Neue Entdeckungen „entzücken den philosophischen Geist“ – „Er hat die Wahrheit immer mehr geliebt, als sein System“, beschreibt ihn Schiller.
Diese Offenheit des philosophischen Kopfes erinnert mich an die Haltung, die Bitcoin von einem verlangt. Um sich auf eine revolutionäreTechnologie wie Bitcoin einzulassen, muss man bereit sein, alles zu hinterfragen, was einem lieb ist. Glaubenssätze und Gewissheiten unter das geistige Mikroskop zu legen und zu prüfen, welche noch halten, wird zur Notwendigkeit. Was ist Geld, und welche undurchsichtigen Mechanismen lenken Gesellschaft und Wirtschaft? Welche Glaubwürdigkeit haben lange ungeprüfte Autoritäten, und wo braucht es überhaupt zentrale oder dezentrale Strukturen? Ist heute wirklich alles besser – oder gar schlechter – als früher? Was bedeutet Freiheit für mich, und wie messe ich Wert ohne Einigkeit bei dessen Einheit?
Die Belohnung mag nicht nur finanzieller oder freiheitlicher Natur sein, sondern vielleicht nur erkenntnisreich. Vielleicht zerstört sie zunächst Vertrauen, um es dann neu aufzubauen; Gleichgültigkeit wechselt zu Pessimismus und dann vielleicht zu Optimismus. Vielleicht ist das Bitcoin-Netzwerk nicht nur ein rein technologisches, sondern ein zutiefst menschliches, bestehend aus immer mehr, die dem Schillerschen Ideal des philosophischen Geistes nacheifern, denn „führ [diesen] arbeiten alle Köpfe – alle Köpfe arbeiten [aber] gegen den Brotgelehrten“.
Write a comment